Hans Peter Milling

 

 

 

 

 

Dr. phil. Hans-Peter Milling

* 12. April 1943 † 8. Dezember 2021

 

 

Von Hause aus war Hans-Peter Milling Jurist. Meine erste Begegnung mit ihm
fand in seiner Kanzlei statt. Er arbeitete schon als Psychotherapeut und
bekannter Aufsteller, hatte sein Institut gegründet und bildete Kolleg*innen im
Stellen von Systemen aus.

Es war ein fachliches Treffen. Ein Freund hatte mich zu einer Intervisionsgruppe
eingeladen. Hans-Peter hatte sie gegründet und Aufsteller*innen versammelt,
die sich gegenseitig in ihrer Entwicklung unterstützen wollten. Die meisten von
ihnen hatte er selber ausgebildet. Seine Kanzlei war ihm unwichtig geworden –
später sollte er sie ganz aufgeben – therapeutische Arbeit und Aufstellen
nahmen immer mehr Platz in seinem Leben ein. In der DGfS engagierte er sich
als Regionalsprecher für Baden-Württemberg, als juristischer Berater des
Verbandes, als Weiterbildner, als Referent auf Aufstellungs-Kongressen und für
den Aufbau einer Weiterbildungskommission.

Das Interesse am Aufstellen verband uns von Anfang an. Wir waren beide ganz
davon erfasst. Er wurde für mich ein Ansprechpartner und im Laufe der Zeit ein
Freund. Gespräche mit Blick auf unsere Arbeit und unser beider Leben erfüllten
uns, gemeinsame Essen dienten dem Wohlbefinden. Hans-Peter dachte auch
in großen Bezügen, suchte die Aufstellungsarbeit als Möglichkeit zur Erkenntnis.
Insbesondere dem Matriarchat galt seine Aufmerksamkeit, dieser Vorstellung
von einer Welt, in der Frauen das Sagen hätten und deshalb Empathie statt
Gewalt zwischen Menschen herrschen würde. Auf Kreta hatte er Bilder einer
alten Kultur gesehen, der minoischen Kultur. Er glaubte, dass in ihr eine
weibIiche Herrschaft gefeiert worden sei. Und er sprach von Lillith, der ersten
Frau Adams, darüber wollte er ein Buch schreiben.

Jetzt ist er im Beisein seiner Kinder eingeschlafen; er würde sagen: endlich. Eine
dementielle Erkrankung hatte ihn erschüttert. Das Leben glitt aus seinen
Händen. Jeden Tag spürte er, dass das Alltägliche nicht mehr gelang: das
Autofahren, die Kaffeemaschine bedienen oder Emails lesen und
beantworten. Diese Erschütterung hat mich am meisten ergriffen, seine
Fassungslosigkeit über sein Sosein und dieses So-nicht-mehr-leben-können. Da
war nicht nur Schmerz, Trauer und Verzweiflung, da war auch Wut auf diese Art
leben zu müssen.

Als er 75 Jahre alt wurde, entschlossen sich seine Frau Erika und er, endlich
einen Lebensabend zu genießen. So war es ausgemacht. Beide beendeten
ihre therapeutische Arbeit und schauten auf das Kommende. Doch das was
kam, war anders als erwartet. Sie erkrankte an Krebs und verstarb in kurzer Zeit.
Hans-Peter fühlte sich verlassen, zurückgelassen und allein gelassen. Ein
Schatten verdunkelte sein Gemüt. Der lebendige, offene und freudvolle
Mensch in ihm zog sich zurück, er war so verletzt. Dieses Dunkle zog sich über
sein Leben, machte das Herz eng. Gelegentlich tauchte er auf, für Momente
konnte er sich und andere wieder spüren und auch genießen, dann zog er sich
wieder zurück. Er spürte schon, wie das Vergessen zunahm. Dann
beschleunigte sich das Geschehen, einfachste Handlungen konnte er nicht
mehr ausführen, und er war auf Pflege angewiesen. Diesem allem zuzustimmen
war eine ungeheure, ja vielleicht sogar eine unmögliche Herausforderung des
Lebens.

Unsere Beziehung vertiefte sich in dieser Zeit. Er konnte sich mir zeigen, schämte
sich aber, dass er nicht mehr so wie früher war. Schmerzlich war es, bei ihm zu
sein, immer wieder Tränen, Momente der Verbundenheit. Wie verschieden
kann sich Freundschaft anfühlen.

Dann kam seine Tochter nach Ludwigsburg, um ihn zu unterstützen. Ihre Liebe
zu ihrem Vater und seine Liebe zu ihr waren Momente des Glücks. Ich glaube,
es war das erste Mal in seinem Leben, dass ihn jemand versorgte und er konnte
es annehmen. Auch sein Sohn war bei ihm. Es war die Zeit des Abschieds.
Was bleibt? Viele Klienten danken ihm für seine Arbeit, die Begegnungen mit
Hans-Peter hatten ihr Leben verändert. Viele Schüler danken ihm für die
Ausbildung im Stellen, sie tragen seine Arbeit weiter, seine Kinder danken ihm
sicher für ihr Leben, und ich danke ihm für unsere Freundschaft, für unser Sosein,
für unseren Austausch und unsere Menschenliebe.

Am Ende seines Lebens hörten wir sein Lieblingslied gemeinsam. Ludwig Hirsch:

der schwarze Vogel und da gibt es eine Stelle:
Komm großer schwarzer Vogel, komm jetzt! ...
Und dann fliegen wir
Aufi, mitten in Himmel eini,
In a neuche Zeit,
In a neuche Welt.
Und i werd' singen,
I werd' lachen,
I werd' "das gibt's net", schrei'n,
Weil, i werd' auf einmal kapier'n
Worum sich alles dreht.

Und jetzt sehe ich ihn anders vor meinem inneren Auge, wie er lacht, wie er das
Leben genießt, wie er spottet, wie ihm der Wein schmeckt, wie er Griechenland
liebt und wie er diesen Sirtaki tanzt.

Thomas von Stosch