Bert Hellinger

Nachrufe von

Bert Hellinger

 

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Nachruf für den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen vom Vorstandsvorsitzender der DGfS e.V. Christopher Bodirsky

Am 19.9.2019 ist Bert Hellinger im Alter von 93 Jahren friedlich verstorben. Ein Tod in diesem Alter darf erwartet werden – und doch ist es etwas anderes, wenn er dann eintritt. Denn Bert Hellinger war ein Mensch, der wirklich großes in die Welt gebracht hat. Ich selbst hatte nie einen persönlichen Kontakt zu ihm, habe jedoch seine Arbeit in vielen Jahren schätzen gelernt.

Es standen ihm viele Quellen zur Verfügung, als katholischer Priester der große philosophische Hintergrund, als Missionar in Afrika die Art und Weise wie „Familie“ dort in verschiedenen Kulturen gelebt wird. Entscheidend war sicher seine Neugier, die dazu führte, dass es kaum einen zweiten Menschen gibt, der so viele neue therapeutische Verfahren erlernt und auch intensiv durchlebt hat. Und das war die notwendige Basis, um Schritt für Schritt daraus das zu verdichten und zu entwickeln, was heute mit seinem Namen verknüpft wird: Die Familienaufstellungen.

In einem Alter, in dem sich Menschen normalerweise zur Ruhe setzen, hat er begonnen dieses Wissen weltweit zu verbreiten. Jahr für Jahr hielt er Seminare ab – mal vor vielen hunderten von Menschen, mal in kleineren Gruppen um seine Arbeit vorzustellen und aufzuzeigen, wie hilfreich diese für Menschen sein kann. Anfeindungen hat er – zumindest äußerlich – klaglos über sich ergehen lassen, denn seine Arbeit hat andererseits die Menschen fasziniert und elektrisiert. Sie wurde übernommen und begeistert weiter verbreitet, auch weiter entwickelt – aber alles immer auf der Basis, die er geschaffen hat.

So dürfte er einer der wenigen Menschen gewesen sein, die zu Lebzeiten erleben durften, dass seine Arbeit innerhalb von nur 30 Jahren auf allen Kontinenten – von Europa über Russland, China, bis nach Australien, in den arabischen Ländern, Afrika und in Süd- und Nordamerika Fuß fassen konnte. Zudem hat die Aufstellungsarbeit schon sehr bald das Feld der Therapie und Beratung verlassen und auch in Organisationen, in der Wirtschaft und in der Welt der wissenschaftlichen Forschung Verbreitung gefunden. Und wenn man bedenkt, wie vielen Millionen von Menschen diese Arbeit bereits helfen konnte wird klar, wie großartig das Werk ist, das Bert Hellinger hinterlassen hat.

Wir verneigen uns vor ihm, dessen Name immer mit dieser fantastischen Arbeit verknüpft sein wird.

Christopher Bodirsky

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Was Du nicht willst, dass man Dir tu (...)

Nachruf von Dieter Dicke - von 2014 bis 2018 Vorstandsvorsitzender der DGfS e.V.

Im März 1995 bin ich Bert in Köln erstmals persönlich begegnet. Diese und nachfolgende Begegnungen sowie die Auseinandersetzung mit dem Haltungshintergrund der Aufstellungsarbeit (damals „nach Bert Hellinger“) hat mein persönliches und berufliches Leben äußerst positiv beeinflusst.
Nun bin ich vorher und nachher noch anderen Menschen und Konzepten begegnet, die die Existenz von uns Menschen in der Welt beschreiben, erklären und damit Möglichkeiten zur nachhaltigen Verhaltensmodifikation anbieten wollten.

Teils die Persönlichkeiten, teils die Konzepte dieser Menschen haben mich ebenfalls nachhaltig beeinflusst. Viele von ihnen haben Wesentliches zum Wissensfortschritt von und über uns Menschen beigetragen und viele von ihnen sind zu ihren Lebzeiten und zum Teil darüber hinaus auch angefeindet worden – oft für das Abweichende in ihren Konzepten, das Abweichende vom jeweiligen Mainstream des Denkens und Wertens.
Allerdings scheint mir die verfolgende Kritik, der Bert Hellinger seit vielen Jahren ausgesetzt war, etwas sehr Spezifisches – vielleicht auch Deutsches – zu haben.

Wohl gemerkt, fachliche Kritik und grundsätzlich andere Meinungen sind für mich willkommen. Auch Bert Hellinger hat praktisch und theoretisch-schriftlich im Laufe vieler Jahre immer wieder Verhalten gezeigt, das aus meiner Perspektive betrachtet fachlich kritikwürdig war und ist. Es erscheint mir auch berechtigt zu fragen, ob manche der Veranstaltungen, die Bert gemeinsam mit seiner zweiten Frau Sophie seit mehr als 10 Jahren angeboten haben, noch den fachlichen Standards beraterischen und /oder psychotherapeutischen Handelns entsprachen. M. W. sagte und schrieb Bert allerdings schon länger selbst, dass z. B. sein „geistiges Familienstellen“ etwas anderes ist und „über Psychotherapie hinaus geht“.

Es ist also m. E. berechtigt, zu sagen und schreiben, dies oder jenes Verhalten, was Bert Hellinger in diesem oder jenem konkreten Zusammenhang gezeigt hat, war in dieser oder jener Art kritikwürdig. Natürlich bezieht sich dies auch auf schriftliche Veröffentlichungen, Audio- oder Videodokumentationen von Hellingers Arbeit.

Bei der vergleichenden Analyse und Bewertung von Berts beruflichem Handeln sollte allerdings auch berücksichtigt werden, dass es vermutlich keinen anderen Profi im Arbeitsbereich von psychotherapeutischen und beraterischen Gruppenverfahren gibt, der oder die so umfangreich per Video dokumentiert ist, wie Bert Hellinger. Jeder Mensch und damit auch jeder Profi in Counseling oder Psychotherapie kocht nur mit Wasser. Dies wird jeder und jede bestätigen, der oder die sich dem Vergnügen und der Mühe unterzogen hat, diverse Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Verfahren zu beobachten.

Weil dies so ist, hat mich die Intensität und die teilweise Blindheit der Verfolgungsenergie erschreckt, mit der die systemische Aufstellungsarbeit und ihre VertreterInnen, insbesondere Bert Hellinger, angefeindet wurden. Fachlich angemessen angewandt können Systemaufstellungen wunderbar Möglichkeitsräume erweitern. Dilettantisches und unethisches Handeln wird im Kontext jeder beraterischen und psychotherapeutischen Methode als Kunstfehler beschrieben. Und ich vermute mal, dass ich nicht der Einzige bin, der solche dilettantisch und unethisch handelnden KollegInnen auch außerhalb der DGfS schon des Öfteren erlebt hat.

Nochmals: Kritik ist berechtig und erwünscht. Sie hilft uns eigene blinde Flecken wahrnehmen zu können und zu korrigieren, wo dies sinnvoll und notwendig ist.

Ich bin und bleibe jedenfalls dankbar und bereichert Bert Hellinger begegnet zu sein, von ihm gelernt zu haben, mich von ihm in manchen, für mich wichtigen Aspekten, unterschieden zu haben und mich heute noch im Herzen verbunden zu fühlen.

Danke Bert und Farewell – ich bleibe noch ein Weilchen, wenn ich darf. Dann komme ich auch.

Dieter Dicke

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Nachruf von Barbara Innecken - von 2010 bis 2014 Vorstandsvorsitzende der DGfS e.V.

Am späten Abend des 20.9.2019 erreichte mich die Rundmail einer vernetzten Kollegin mit der Nachricht, dass Bert Hellinger am Vortag verstorben war.

Erst am nächsten Morgen, als ich den TeilnehmerInnen meiner Weiterbildungsgruppe von Berts Tod berichtete, wurde mir die Dimension dieser Nachricht bewusst.
Ich erzählte der Gruppe, von denen die meisten Bert Hellinger nur vom Namen her kannten, von seinem Einfluss auf meinen persönlichen und beruflichen Werdegang und seiner Bedeutung  für das weite Feld der heutigen Aufstellungsarbeit. Wie von selbst ergab sich im Anschluss daran eine Schweigeminute, die uns alle berührte.

Dieses Erlebnis ließ mich fühlen, wie dankbar ich Bert Hellinger war und bin für seine Form der Familienaufstellungen, die er in die Welt gebracht hat.
In den 90er Jahren öffneten sich mir, die ich bereits psychotherapeutisch tätig war, ungeahnte Räume, als ich das Familienaufstellen in einer Selbsterfahrungsgruppe kennen lernte. Hier begegnete mir der „Missing Link“ in meiner persönlichen und beruflichen Entwicklung, der mein Leben seitdem außerordentlich bereichert und mitgestaltet hat.

In den folgenden Jahren nahm ich an einer ausgezeichneten Weiterbildung im Familienaufstellen teil und konnte parallel dazu direkt von Bert Hellinger in vielen seiner zahlreichen Veranstaltungen lernen. 
Anders als seine Schüler der 1. Generation - die Begründer der sogenannten Septembergruppe und später der DGfS - hatte ich als Schülerin der 2. Generation jedoch keine persönliche Beziehung zu Bert Hellinger.

Dass ich als Zuschauende aus einer gewissen Distanz heraus von ihm lernte, ersparte mir in späteren Jahren den Schmerz der getrennten Wege, den viele Schüler der 1. 
Generation durchlebten. In den frühen 2000er Jahren zeichnete sich ab, dass Bert Hellinger nicht nur international bekannt und aktiv wurde, sondern dass er auch seinem eigenen inneren Weg folgte. Das hatte er zeitlebens so gemacht und er nahm die jeweiligen Konsequenzen an. In diesem Fall führten seine spezifischen Weiterentwicklungen des Familienstellens dazu, dass ich und viele seiner bisherigen Schüler in der DGfS nicht mehr bereit waren, sich an diesen Weiterentwicklungen zu orientieren.  

Als ich 2010 den Vorsitz der DGfS  übernahm, fand ich in Bezug auf Bert Hellinger eine sich entspannende Situation vor: nach Jahren des Hellinger „Hypes“, der öffentlichen Anfeindung von Bert Hellinger und des Ringens seiner Schüler um eigene Wege hatte sich langsam eine Koexistenz der DGfS und der neu gegründeten Hellinger Sciencia
entwickelt.

Die Mitglieder der DGfS vertraten zwar unterschiedliche Standpunkte in Bezug auf Bert Hellinger, waren aber verbunden in der Achtung und Würdigung des Gründers und entscheidenden Initiators des Familienaufstellens.
Auf dieser Grundlage fühlte ich mich verbandspolitisch und beruflich frei,auch neue Wege in der Aufstellungsarbeit zu beschreiten.

Ich verneige mich vor Bert Hellinger und seinem großen Vermächtnis, das in mir und uns weiter lebt. 

Barbara Innecken

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Nachruf von Heinrich Breuer - von 2004 bis 2008 Vorstandsvorsitzender der DGfS e.V.

Bert Hellinger ist kurz vor der Vollendung seines 94. Lebensjahres friedlich entschlafen. Ein langes und erfülltes Leben lag hinter ihm mit vielen durchaus auch schweren Erfahrungen, aber auch mit einer unglaublichen Energie, etwas in die Welt zu bringen. Und diesem Ziel ist er unbeirrt gefolgt. Nach früher Kindheit in Leimen zog die Familie nach Köln, Bert blieb noch bis zur Einschulung bei den Großeltern, ging dann in Köln in der Lichtstraße (als Kölner interessieren mich solche Details) in die Schule und wechselte dann mit dem Gymnasium nach Würzburg in ein Internat, das mit dem Orden von Marianhill verbunden war. Im Krieg machte er das Notabitur, wurde Soldat, kam in Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern in Belgien. Dort wäre er fast verhungert, erzählte er mir in einem Interview. Nach der kurzen Rückkehr nach Kassel, wo die Familie mittlerweile wohnte, studierte er Theologie in Würzburg, trat in den Missionsorden ein und kam über England nach Südafrika, wo er lange Zeit arbeitete. Dort kam er auch in Berührung mit der Psychotherapie, zunächst mit den Gruppendynamikern, dann mit der Psychoanalyse, und durch die Psychotherapie reifte in ihm der Wunsch, aus dem Orden auszutreten und selbst psychotherapeutisch zu arbeiten. Er absolvierte verschiedene Weiterbildungen, u. a. psychoanalytische, primärtherapeutscihe, transaktionsanalytische und ließ sich in Ainring Mittelfeldes nieder. Dort hatte er mit seiner Frau Herta einen schalldichten Keller für die Primärtherapie, für die er in Deutschland bekannt wurde. Natürlich integrierte er als kreativer, intuitiver und umfassend gebildeter Geist sehr schnell andere Methoden in die Arbeit mit seinen Patienten. Berühmt wurde er durch seine Skriptkurse und die Kurse in primärer Orientierung. Herta, eine ehemalige Nonne, war in vielen Gruppen dabei, war die Mutter in der Primärtherapie, und sie war ihm eine loyale Gefährtin, die ihm den Rücken frei hielt. Hinter den meisten erfolgreichen Männern steht ja eine Frau, die das möglich macht.

Ich lernte ihn in einer Familientherapieausbildung in den USA kennen, wir verbrachten vier Wochen auf einem Zimmer. Und in dieser Zeit freundeten wir uns an. Ich machte damals selbst Skriptkurse, durfte als Co-Therapeut später neben ihm sitzen und war völlig fasziniert davon, was er alles in diese Arbeit integrieren konnte. Sein breites Wissen, seine Form der Aufmerksamkeit, sein klarer Blick und auch sein Mut, direkt und klar zu kommunizieren, auch zu konfrontieren, machten einen tiefen Eindruck auf mich und prägten meine weitere therapeutische Arbeit erheblich. Mit der Familientherapie kamen in die Skriptkurse zusätzlich systemische Aspekte hinein, und die Grundkenntnisse der Mehrgenerationenperspektive waren schon aus den Arbeiten von Boszormenyi-Nagy bekannt. So brauchte es für Bert nur noch den Impuls von einem Kurs bei Thea Schönfelder, und das Familienstellen war geboren. Innerhalb kurzer Zeit erschloss er sich die „Ordnungen der Liebe“, also die hintergründigen Gesetze der gesamten Arbeit, und begann mit der Aufstellungsarbeit. Ich erlebte es für mich als ein Privileg und als großes Geschenk, von Anfang an das Familienstellen erfahren und Bert dabei immer wieder begleiten zu dürfen. Seine Offenheit und seine Interesse an Neuem waren unerschöpflich. Als ich ihm von Erickson und NLP Anfang der 80er erzählte, organisierte er sofort Fortbildungen, um mehr darüber zu lernen. Aber alles, was er lernte, wurde in der Mitte auf den Gehalt hin gewogen, und was das Innere der Methoden beitragen konnte zu dem tieferen Wissen über die Menschen in der Welt. Auch das Familienstellen konnte ihn nicht halten, der trieb es voran zunächst in die Bewegungen er Seele und später in die des Geistes, sein Drang nach weiterer Erkenntnis war nicht zu zügeln. Und sein Zitat „was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern“ war gelebtes Leben, er warf bereitwillig Dinge über Bord, so wie man bei der Ballonfahrt Ballst abwirft, um mehr in die Höhe steigen zu können.

Bis 2006 waren wir Freunde, dann trennten sich unsere Wege. In die Hellingerschule konnte ich ihm nicht folgen, dazu hätte ich mich zu sehr verbiegen müssen, und das war mir die Beziehung zu ihm nicht mehr wert. Aber Achtung und Zuneigung blieben und auch Dankbarkeit. Ich habe von Bert unglaublich tiefe und anrührende Interventionen miterleben dürfen und natürlich auch solche, wo er sich auf etwas festlegte, was falsch war. Bert war ein Mann, auch ein Ehemann. Er war Heiler, Priester, Philosoph, Psychotherapeut, Schamane, und für viele auch ein spiritueller Lehrer. In erster Linie aber war er ein Mensch mit großen Fähigkeiten, aber auch mit Widersprüchen, eben ein Mensch. Was bleibt ist eine Geschichte: Wir waren Inder NLP-Ausbildung bei Gunda Kutschera, und am letzten Tag kaufte jeder ein kleines Geschenk. Die Geschenke standen wie eine Pyramide in der Mitte des Raumes. und wir begannen nacheinander uns eines auszusuchen. Bert hatte gesagt „wir machen es nicht wie in den Familien, wo die Kinder anfangen dürfen. Hier dürfen die Ältesten anfangen!“ und hatte sich ein Geschenk genommen. Als ich dran war, nahm ich mir eine kleine Holzschachtel aus Indien. Jemand sagte: „Mach sie doch mal auf, vielleicht ist etwas drin .“ Ich machte sie auf, nichts drin, und der andere sagte bedauernd „Oh, sie ist ja leer.“ Bert sagte: „Nein, nein, sie ist voll: voller Freiheit.“ Lieber Bert, das steht für das, was lebendig bleibt. Es lebt in mir weiter, und in vielen Menschen lebt vieles von Dir weiter. Für mich bist noch da.

Heinrich Breuer